Kopfsalat

Kopfsalat

Eine Kurzgeschichte zum Thema «Nacht»

Verfasser: Tobias Najer

Entstanden in einem Schreibmodul bei Peter Weber an der Hochschule Luzern

© 2010

Leises Summen und Piepsen im Kopf. Beruhigend vibrierender Sitz. Wir sind auf dem Heimweg. Leitplanken und weisse Linien im Dunkeln, die sich parallel zum Auto mitbewegen. Zum Glück hat sich Urs dafür entschieden, heute nicht zu trinken. Danke. Mein Bruder hinten links schläft bereits, was üblicherweise meine Stärke wäre. Raffaela, meine Freundin, offensichtlich von mir genervt, kommuniziert eher spärlich. Die Party war ja wieder einmal voll der Hammer. Schon um Neun komplett besoffen. Irgendwie kann ich mich ja jetzt schon nicht mehr an alle Gesichter erinnern, freue mich vielleicht genau deswegen wieder auf das nächste Mal. Wer sitzt eigentlich vorne rechts? Keine Ahnung. Die Freundin von Urs? Seit wann sind sie zusammen? Sind sie überhaupt zusammen? Hey Urs, können wir mal bei der Raststätte kurz raus? Ob ich mich übergeben müsse, fragt er mich. Nein, nein, sicher nicht! Ich muss pissen! Schade, Ausfahrt wegen Baustelle geschlossen. Nächste Raststätte 15km. Wir sind ja bald zu Hause, das werd ich wohl noch überstehen. Hat eigentlich, ah Saphira heisst sie, heute schon was gesagt? Egal. Ich vermisse den Bass und das Bier. Hat jemand Wasser? Danke Schatz! Kuss. Ich liebe Fortbewegung, sie ist auf eine besondere Art entspannend. Anscheinend bin ich der einzige der wieder einmal labert. Irgendwie lässt sich der Alkoholspiegel durch die Anzahl Wörter und die Stimmlautstärke berechnen. Das wäre doch was, ein Alkoholspiegel für die Wand zu Hause. Die Promille würden anhand deiner Mimik gemessen. Oder soll der Kater besser eine Überraschung bleiben? Urs fährt uns bis vor die Tür, wir kommen zu Hause an. Danke Urs! Komm Bruder, aufwachen, wir sind da. Auf der Treppe merke ich, wie meine volle Blase mit anderen inneren Organen um Platz ringt. Ich muss dringend Wasser lösen, wie man so schön sagt. Rechts ist das WC, links ist die Küche. Meine Freundin ruft, sie möchte noch was essen. Links ist die Küche. Mein Bruder verstummt im Zimmer, während dem ich den Kühlschrank öffne. Raffaela hat bereits keinen Appetit mehr. Doch mein Bruder möchte, dass ich ihm etwas koche. Aber er ist doch längst im Bett und sowieso genug alt, um sich selber was zu machen. Ich bin verwirrt. Zudem sollte ich noch den Salat für meine Mutter waschen. Der Leitsatz meines Lebens war ja schon immer: Erledigt ist erledigt. Ich entferne sorgfältig die Plastikfolie. Die obersten, teilweise braungefleckten Blätter werden abgerissen. Die darunterliegende Schicht glänzt in einem Verlauf von knackigem Weiss bis frischem Grasgrün. Ich stecke das Sieb rein und werfe langsam, nacheinander einzelne Salatstücke in die Schüssel. Ich komm mir vor wie bei einem Nachtschichtjob. Kaum ist dieser Gedanke vorbei, landet auch schon das letzte Blatt auf der Wasseroberfläche. Lustlos betätige ich die Spülung. Wollte ich nicht schon lange auf’s Klo? Doch! Dieser unangenehme Harndrang nimmt mich erneut voll in Beschlag. Aber die Schüssel ist nun voller Salat, es muss eine andere Lösung her. Soll ich mich mit Hilfe eines Stuhls im Lavabo entleeren? Nein, widerlich! Aber ich muss. Nein, unmöglich. Ich ziehe mir kurz meine Schuhe wieder an und gehe nach draussen. Es ist stock dunkel, trotzdem suche ich mir den nächsten Busch. Beine schulterbreit. Mit beiden Händen öffne ich zitternd den Gurt. Harndrang. Harnterror. Je näher ich dem Ziel der befreienden Entleerung bin, desto stärker wird der Druck. Und zwar nicht nur im Unterleib, sondern auch im Kopf, nämlich den Hahnen nicht zu früh laufen zu lassen. Mit meiner rechten Hand öffne ich hastig den Reissverschluss. Verdammt, er klemmt. Beim zweiten Anlauf klappt es. Das brennende Gefühl steigert sich ins absolut Unerträgliche. Ich greife rein. Fast gleichzeitig mit dem Rausnehmen will ich mich endlich erlösen. Schock. Etwas stimmt nicht. Ich sehe zwar nichts, kann aber eine Veränderung ertasten. Ein fleischiger Wulst umwächst mein bestes Stück. Angespannt drehe ich mich in Richtung einer weit entfernten Strassenlaterne. Schwacher Schein. Zögernd bewege ich meinen Kopf nach unten. Stille. Ich bin fassungslos. Ein Knoten im Schlauch. Und die Bombe in meinem Bauch steht kurz vor der Explosion. Stechender Schmerz. Ich brauche Hilfe und zwar dringend. Plötzlich steht Urs neben mir, sichtlich betroffen. Er packt mich am Arm und zieht mich in sein Auto. Drei oder vier Kurven und wir sind bei meinem Hausarzt, welcher glücklicherweise für die Nachtschicht eingeteilt ist. Wir klingeln. Der Arzt persönlich öffnet die Tür, teilt uns aber mit, dass er im Moment grad ziemlich ausgebucht sei. Ich bräuchte einen Termin! Und zudem meint er, wenn es ein Notfall wäre, wäre ich ja schon viel früher gekommen. Die Tür kracht zu. Ich stehe gekrümmt vor Schmerz auf der Fussmatte mit der Aufschrift Nächste Raststätte 15 km. Wir sind wieder im Auto. Urs vorne, ich rechts hinten. Ich bin angespannt, versuche mich keinen Millimeter zu bewegen. Gequält stöhne ich um Hilfe. Wenn man Urin erbrechen könnte, hätte ich schon längst gekotzt. Keine Ausfahrt, keine Einfahrt, nur Strecke. Und immer wieder dieses beschissene Nächste Raststätte 15 km Schild. Bereits sind wir sicher 20 Mal an dieser Stelle vorbeigefahren. Urs meint, er könne mir helfen und steigt nach hinten. Er betont, dass das Auto von alleine fahren würde. Seinen Schal benützt er als Mundschutz. Er desinfiziert seine Hände. Die Leselampe der Rücksitze spendet dürftiges Licht. Sein Werkzeug: eine Zange. Schwindel im Kopf macht es mir praktisch unmöglich sein weiteres Vorgehen zu verfolgen. Ich spüre nur noch, wie sich der altbekannte und dieser neue Schmerz multiplizieren. Glutweiss. Tiefschwarz. Meine Augen sind leicht verklebt und geschwollen. Ich versuche einen Blick auf das rote Licht neben meinem Kopf zu werfen. 05:11 Uhr. Voller Müdigkeit und mit schwachem Harndrang setze ich mich auf. Löse mich vom warmen weichen Untergrund. Leicht eingerostet, barfuss und in Boxershorts gehe ich aus dem Zimmer. Im Gang betätige ich den Lichtschalter. Die Erhellung überflutet kurzzeitig meine Sehnerven. Ich fühle mich wohl in dieser gewohnten Umgebung, laufe die Treppe runter. Unten angekommen gähne ich und strecke mich. Ich fühl mich richtig wach. Schlendernd beweg ich mich zum WC. Stelle mich hin. Deckel rauf, Brille rauf. Mir stockt der Atem: Kopfsalat?

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